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Warum der Tod das leben erst lebenswert macht
Veränderung – so ist das Leben

Der Tod macht das Leben erst lebenswert

Am 9. Mai 2022 trat ich mit unserem sechzehn Jahre alten Kater seinen letzten Weg an. Dass er sterben würde, zeichnete sich bereits in den zwei Wochen davor ab. Er wurde immer dünner, konnte nicht mehr richtig auf die Toilette und fraß nur noch Nassfutter, welches überwiegend aus Soße bestand. Ich wusste, dass uns ein Abschied bevorstand, doch wahrhaben wollte ich es nicht. Sein Tod hat mich tief getroffen, denn ich kann nicht aufhören, ihn zu vermissen, aber er hat mir auch vor Augen geführt, dass das Leben lebenswert ist.

Wenn er fünf Wochen ist, dann ist er alt

Das waren die Worte der Tierärztin als wir dich ihr vorstellten. Du warst viel zu klein und viel zu krank. Davis hatte dich zufällig bei einem Bauern entdeckt. Der letzte aus dem Wurf, allein in einer Kiste. Die Worte des Landwirts waren es, die dich zu uns brachten: „Wenn Sie den nicht mitnehmen, dann erledige ich das heute Abend.“

Wir tauften dich Freddy, nach einer heißgeliebten Hollywood-Figur unserer Jugend – Freddy Krüger. Doch, weil du so winzig warst und in eine Hand passtest, nannten wir dich Pups – ein kleiner Schiss in die hohle Hand. Aber wer will schon im Garten stehen und rufen: „Pups! Lecker! Essen!“? Und so wurde aus Freddy mit den Klingen-Fingern Pups. Aus Pups Loops und aus Loops Loopi.

Du warst noch viel zu klein

Du warst so jung, dass deine kleinen Augen nach vier getanen Schritten zufielen und du einfach vorne überkipptest, um zu schlafen. Eigentlich hättest du deine Mutter noch mehrere Wochen gebraucht, um einen richtig guten Start ins Leben zu haben, aber so ist das Leben nun einmal. Wir ließen dich kaum alleine, weil wir Angst hatten, du könntest in deinem Wassernapf ertrinken oder sonst irgendwie zu Schaden kommen. Wenn unsere Tochter aus der Schule kam, passte sie auf dich auf und anschließend übernahmen wir.

Aus dir wurde ein Kater wie er im Buche steht, fünf Kilogramm schwer, drahtig, draufgängerisch. Du kamst permanent mit Wunden nach Hause, die wir mit normalen Hausmitteln nicht versorgen konnten. Bisswunden auf der Schädelplatte, gerissene Nickhaut durch einen Tatzenhieb deines Gegners, überdehnte Achillessehne, und, und, und.

Der mutigste Angsthase auf der Welt

Als wir eines Nachmittags mal wieder bei unserer Tierärztin standen, verkrochst du dich vor lauter Angst in meiner Jacke. Wenn ich den Jackenbund eng zuhielt, dann bist du mir bis in den Rücken gekrochen, um der bösen, bösen Frau mit den Spritzten zu entkommen. Als wir kopfschüttelnd zusahen, wie sie eine entzündete Kopfwunde reinigte und mit lokalen Antibiotika versorgte, stellte diese nüchtern fest: „Wenigstens ist er kein Angsthase.“ Die Fragezeichen in unseren Gesichtern sprachen Bände und sie zuckte mit den Schultern. „Er hat die Verletzungen immer am Kopf, und nie an den Hinterläufen. Er ist also niemand der flüchtet, sondern einer der nach vorne geht.“ Sie hatte den Satz noch nicht ganz vollendet, da hast du bereits wieder versucht dich in meiner Jacke zu verstecken. Du warst der mutigste Angsthase, den ich kenne.

Ich könnte unzählige Geschichten über dich schreiben. Wie du, neugierig wie du warst, eine leere Plastiktüte vom Gemüsehändler inspizieren wolltest und dabei unglücklicherweise den Kopf durch den Tragegriff gesteckt hast. Als das Knistern dir Angst machte, suchtest du panisch das Weite. Du hattest die Rechnung ohne die Tasche gemacht, die um deinen Hals hing und wie ein Umhang auf deinem Rücken flatterte. Es hatte etwas von Superman. Du konntest dem Geräusch nicht entkommen, das dich quer durch den Garten verfolgte. Endlich fanden wir dich, völlig verängstigt unter einem Busch und befreiten dich von deinem Verfolger. Ich kann heute noch dein aufgeregtes Herz in meiner Hand spüren. Seitdem hast du jeden Müllbeutel, den ich in den Mülleimer hängte, mit Argusaugen beobachtet – nicht, dass er dich verfolgt!

Willst du nicht in den Himmel gehen 😉?

Wenn du mich genervt hast, weil du mir vor den Füßen herumgerannt bist oder mir Essen geklaut, Katzenstreu im Bett verteilt oder die Katzenmilch mit deinem Geschlabber bis an die Wand verteilt hast, dann hab ich dich gefragt, wann du eigentlich in den Himmel gehen oder die Regenbogenbrücke suchen willst. Jeder der mich kennt, der weiß, dass dies immer ein Scherz war, wenn auch etwas makaber. Irgendwohin musste ich manchmal mit meiner Verzweiflung, wenn ich zum Beispiel das vierte Mal am Tag das Badezimmer fegte, weil ich Streu unter den Füßen einfach ätzend finde.

Als ich vor ein paar Jahren mit meiner Freundin frühstückte und mit einem Stück Lachs im Schlafzimmer verschwand, fragte sie mich anschließend: „Du hast jetzt nicht ernsthaft dem Kater Lachs ins Bett gebracht?“
Ich sah sie völlig verständnislos an. „Doch. Er liegt im Bett unter der Decke und ich wollte ihm was Gutes tun.“
Sie lachte schallend und stellte fest: „Dann brauchst du dich auch nicht wundern, dass keines deiner Tiere in den Himmel will. Ich würde an ihrer Stelle auch hierbleiben.“

Am letzten Wochenende war sie wieder zu Besuch und retrospektiv betrachtet war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich hatte zwar meinen Fokus auf Loopi gelegt, aber ich hatte keine Zeit mich permanent zu sorgen. Er durfte alles an diesem Wochenende. Als er auf dem Sessel schlafen wollte, quetschten wir uns auf das kleine Sofa. Wenn er was von unserem Essen abhaben wollte, bekam er etwas und Katja hatte die strikte Anweisung ihn nicht im Halbschlaf unsanft vom Bett zu stoßen, sollte er sich nachts zu ihr gesellen.
Ich hatte es im Gefühl. Dies waren die letzten Tage mit ihm.

Wenn das Leben weicht

In der Nacht von Sonntag auf Montag lag er plötzlich neben meinem Bett und konnte nicht mehr richtig laufen, nach drei Schritten musste er sich hinlegen. Ich habe ihn die ganze Nacht betreut und über ihn gewacht. Ihm Wasser angeboten, ihn zur Toilette und wieder zurück ins Bett getragen. Immer wieder strich ich ihm über Nase und Stirn, denn das hatte ihn schon als Baby beruhigt. Zwischendurch schliefen wir immer wieder einige kurze Augenblicke. Morgens kam er noch mal zum Kuscheln zu mir, legte sich zwischen meine Beine und schnurrte. Dann rief ich um halb acht den Tierarzt an. Eine Stunde später das Ergebnis: Kot kann nicht mehr abgesetzt werden, die Nieren sind stark vergrößert, die Augen fallen bereits ein, das Zahnfleisch wird gelb, das Herz ist nicht mehr in Ordnung und in der Lunge hat sich Wasser angesammelt. Prognose: Tod, aber das kann sich unter Umständen lange und qualvoll hinziehen. Blutbild machen? Nein! Zustimmendes Nicken meines Tierarztes.

Das ist das Letzte, was ich meinem Weggefährten gewünscht habe, herumdoktern, während er sich quält und so beschloss ich, ohne Zögern, ihn erlösen zu lassen. Der kleine Körper war so schwach, dass er innerhalb kürzester Zeit seine letzte Reise hinter sich hatte.

Ich brachte ihn nach Hause, damit unsere Hündin sehen konnte, dass er nicht mehr lebt und kurze Zeit später war mein Mann da, um ihn zusammen mit mir unter der Eibe zu begraben. Da liegen sie nun, unsere Katze Banshee und unser Kater Loops und warten, dass sich auch Pebbles und Smilla zu ihnen gesellen.

Ich danke dir, mein kleiner Freund, für die wunderbare Zeit mit dir❣️

Was der Tod mich lehrt

Ich konnte die letzten Tage nicht kreativ arbeiten, weil so viele Gedanken in meinem Kopf herumschwirrten. Eigentlich wollte ich diese Woche meine ganz persönliche Challenge starten – 1 Manuskript in 6 Monaten.
Als erstes gestattete ich mir, mein Romanprojekt zu verschieben – voller Wohlwollen und ohne Druck, denn auf Krampf ist es sinnlos. Ich war viel im Garten und unter freiem Himmel, weil ich das Gefühl hatte im Haus erinnert mich alles und die Wände kommen auf mich zu. Alles war so eng, ließ mich nicht atmen.
Ich buddelte in der Erde und ließ meinen Gedanken freien Lauf …

Wenn man den Tod kommen sieht

Ich habe gespürt, dass der Tod vor der Tür steht, deshalb habe ich meinem Kater noch mehr Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt als üblich. Ich wusste, dass ich es mir im Nachhinein nicht verzeihen könnte, wenn ich nicht alles dafür getan hätte ihm noch ein paar schöne Tage zu machen. Wenn er nicht mehr ist, dann sind alle Chancen vorbei, kein Weg zurück, keine Möglichkeit etwas anders zu machen.

Wenn ein Mensch im Alter oder nach langer Krankheit stirbt, dann können wir uns verabschieden, unausgesprochenes aussprechen, letzte Fragen stellen, Missverständnisse aufklären, ein letztes Lächeln, ein letzter Kuss, ein letztes liebes Wort.

Und wenn nicht?

Doch was ist, wenn es plötzlich und unerwartet kommt, wenn ein geliebter Mensch aus dem Leben gerissen wird, ohne dass es absehbar war? Dann haben wir diese Gelegenheit nicht. Wir stehen plötzlich vor vollendeten Tatsachen. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber für mich ist ein schlimmer Gedanke: „Aber wir wollten doch noch …!“

Ich weiß nicht mehr wer es war, aber irgendein Mensch in meinem Leben hat mal zu mir gesagt: „Vanessa, ich schlafe nie im Streit neben meinen Mann ein. Stell dir vor, er wacht am nächsten Morgen nicht mehr auf. Das könnte ich mir nie verzeihen.“
Der Gedanke hat in mir nachgehallt – bis heute. Es ist unvorstellbar mich im Streit schlafen zu legen oder meinen Mann im Zorn nach Hause fahren zu lassen.

Dies sind zwei Aspekte, die mich seit Montag umgetrieben haben:
1. Eine große Auseinandersetzung ungeklärt im Raum stehen lassen?
2. Gibt es Dinge, die man nicht tut und es später bereuen würde?

Den ersten Punkt kann ich für mich abhaken, aber den zweiten? Ich denke hier nicht an einen Urlaub, den man noch machen wollte oder den Hauskauf oder ein anderes Großprojekt. Es gibt immer etwas, das man noch geplant hatte, denn wir machen ja ständig irgendwelche Pläne, haben Wünsche oder Träume.
Ich denke in erster Linie an die kleinen Dinge im Leben. Eine Berührung, ein Lächeln, ein nettes Wort. Wie oft kommt es vor, dass du nicht wirklich zuhörst. Mit den Gedanken doch woanders bist? Wie häufig bin ich beim Gang mit dem Hund so mit dem Alltag in meinem Kopf beschäftigt, dass ich nicht sehe, was um mich herum geschieht. Ich ruminiere und wälze die Probleme oder Herausforderungen durch meinen Kopf und übersehe die turtelnden Eichhörnchen im Baum, die blühenden Duftveilchen am Wegesrand, meine Hündin, die mir einen Blick schenkt. Zum Glück passiert mir das nicht mehr so häufig, aber ich fürchte dennoch zu oft.

Da ist die Vergangenheit, die wir nicht ändern können. Situationen, über die wir nachdenken, weil wir es gerne anders gemacht hätten, über die wir uns vielleicht sogar ärgern.
Die Zukunft, für die wir planen, ohne wirklich zu wissen, was kommt. Wir stressen uns mit der Vorstellung, wie bestimmte Momente in der Zukunft sein könnten. Spinnen uns vor wichtigen oder beängstigenden Gesprächen zusammen, wie es vielleicht verlaufen wird: Ich sage das, dann sagt der andere das und dann reagiere ich so. Fiktive Gesprächsverläufe, die, seien wir mal ehrlich, zu 99 % komplett anders verlaufen als wir es uns ausmalten.

Nur das jetzt ist wichtig

Verstehe mich nicht falsch. Über Vergangenheit und Zukunft nachdenken zu können, macht uns menschlich. Es ist gut eine Situation im Nachhinein zu reflektieren, damit wir in der Zukunft etwas anders machen können, oder es genauso wieder machen. Und was wäre die Welt ohne Pläne und Träume? Aber was wir nicht vergessen dürfen ist, weder die Vergangenheit noch die Zukunft liegen in unserer Hand. Wir haben nur das Jetzt. Und dieser Moment ist der einzige, auf den wir Einfluss haben, den wir steuern können, in dem wir entscheiden können, was wir tun.

Das hat mir der Tod in den letzten Tagen besonders klargemacht. Ich kann nur jetzt gut zu den Menschen und Tieren in meinem Umfeld sein. Während ich diesen Absatz schreibe, sieht meine Hündin mich mit großen Augen an, weil sie JETZT so gerne den Bauch gestreichelt bekommen würde. Die Frage seit Montag: Wenn ich sie jetzt ignoriere, würde es mir morgen, falls sie plötzlich sterben würde, leidtun? Ein ganz klares: JA! Mein Herz wird weich und ich muss an dieser Stelle unterbrechen, um sie kurz liebzuhaben, ich kann den treuen braunen Augen nicht widerstehen.

Ihr Kuschelanfall hat nur zwei Minuten gedauert. Sie ist glücklich und ich bin es auch. Ich möchte mir nicht jeden Tag permanent die Frage stellen, was im Todesfall ist, aber ich habe erkannt, wie wichtig es ist nicht immer stoisch an den täglichen Aufgaben festzuhalten. Einfach mal meinen Mann während der Hausarbeit in den Arm nehmen, ihn beim Fernsehen zu beobachten oder wahrnehmen, wie gut er zu unseren Tieren ist. Im Garten innezuhalten, wenn die Hummel laut um die Blüten kreist. Einem lachenden Kind bewusst ins Gesicht sehen oder einfach mitlachen. Stehenbleiben und die Sonne auf der Haut spüren – oder den Regen. Wahrnehmen, wenn man glücklich ist.

Und deshalb macht der Tod das Leben lebenswert

Weil er uns aus dem Alltag reißt, uns zeigt, dass wir nicht alles in der Hand haben, uns wachrüttelt, das Bewusstsein weckt oder uns mit voller Wucht ins Gesicht schlägt.
Ich möchte am Ende, egal wessen Ende, nicht denken: „Warum hab ich nicht …“, oder „Wir wollten doch noch …“ oder „Warum hab ich nicht früher …“
Deshalb versuche ich so gut es mir möglich ist im hier und jetzt zu leben. Mit jeder Faser meines Körpers, mit vollem Bewusstsein.

Reflektiere für dich doch mal, wann du das letzte Mal wirklich im jetzt warst. Wenn es dir schwerfällt, dann solltest du genau in diesem Moment anfangen. Hör auf zu lesen, nimm deine Umwelt und dein Leben wahr. Wir haben nur dieses eine und es ist das Schönste, dass wir haben.

Fühl dich gedrückt und wenn dir der Artikel gefallen hat, dann hinterlasse mir einen Kommentar – aber erst, nachdem du tief eingeatmet du das Jetzt genossen hast 😉.

Deine Vanessa

In Gedenken


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